Warum 1,3 Meter? Die Geschichte eines Standards
Die Wahl von 1,3 Metern ist keine Willkür, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Standardisierung. Auf Brusthöhe — also auf Augenhöhe einer durchschnittlich großen Person — ist der Stamm meist bereits oberhalb der unregelmäßigen Wurzelanläufe, die den Durchmesser verzerren würden. Gleichzeitig liegt 1,3 m weit genug vom Boden entfernt, um bodennahe Verdickungen zu vermeiden.
In tropischen Regenwäldern wie Bwindi stellt die 1,3-m-Höhe besondere Anforderungen. Viele alte Bäume haben ausgeprägte Brettwurzeln (Strebepfeiler), die weit über 1,3 m hochragen können. In solchen Fällen wird der DBH oberhalb der Brettwurzeln gemessen — meist bei 1,5 oder sogar 2,0 m, je nach internationaler Konvention der jeweiligen Studie. Diese Ausnahme muss immer dokumentiert werden, damit die Daten vergleichbar bleiben.
Im Bwindi Impenetrable Forest sind Brettwurzeln häufig — besonders bei älteren Exemplaren der charakteristischen Canopy-Bäume wie Chrysophyllum gorungosanum und Strombosia scheffleri. Ein erfahrener Feldbotaniker erkennt sofort, ob die Standardhöhe angepasst werden muss.
DBH-Messung in der Praxis: Schritt für Schritt
Die eigentliche Messung ist simpel: Ein flexibles Maßband wird um den Stamm in 1,3 m Höhe gelegt. Der abgelesene Wert ist der Umfang, nicht der Durchmesser. Der Durchmesser ergibt sich durch Division durch π (ca. 3,14159). Spezielle DBH-Messbänder haben diese Umrechnung bereits eingearbeitet und zeigen direkt den Durchmesser an.
In Uganda-Waldinventuren werden standardmäßig alle Bäume ab einem DBH von 10 cm erfasst. Diese Grenze schließt Jungbäume und Sträucher aus, die zwar zahlreich sind, aber wenig zur Gesamtbiomasse beitragen. Für spezifische Studien — etwa zur Verjüngungsdynamik — werden auch kleinere Durchmesser gemessen, dann aber in separaten Plots.
Die Feldarbeit im Bwindi-Regenwald ist anspruchsvoll: steiles Gelände, dichtes Unterholz, glitschige Böden nach Regenfällen. Ein zweiköpfiges Team — eine Person misst, eine Person notiert — ist die effizienteste Methode. Für jede Stichprobefläche (typischerweise 20 m × 20 m bis 50 m × 50 m) werden alle Bäume oberhalb der Mindestgrenze einzeln erfasst, ihre Art bestimmt und der DBH protokolliert.
Von DBH zu Biomasse: Die Berechnungsformel
DBH allein sagt noch nichts über die Kohlenstoffspeicherung eines Baumes aus. Dafür brauchen Wissenschaftlerinnen allometrische Gleichungen — mathematische Formeln, die aus DBH (und optional Baumhöhe) die oberirdische Biomasse schätzen. Diese Gleichungen wurden für verschiedene tropische Regionen kalibriert.
Für afrikanische Tropenwälder wird häufig die Gleichung von Chave et al. (2014) verwendet:
Dabei ist AGB die oberirdische Biomasse in kg, ρ die Holzdichte in g/cm³, DBH der Durchmesser in cm und H die Baumhöhe in m. Der Kohlenstoffgehalt beträgt typischerweise ~47% der Biomasse — das heißt, ein Baum mit 500 kg Biomasse speichert etwa 235 kg Kohlenstoff.
Im Bwindi NP haben Studien gezeigt, dass die Kohlenstoffdichte im Primärwald deutlich höher ist als in degradierten Randbereichen. Das ist ein starkes Argument für den Schutz des Kernwalds: Jeder gefällte Altbaum setzt jahrzehntelang gebundenen Kohlenstoff frei — und die Wiederaufforstung braucht Jahrzehnte bis Jahrhunderte, um denselben DBH-Wert und dieselbe Kohlenstoffmenge zu erreichen.
DBH und Gorilla-Habitat: Was die Zahlen über den Wald verraten
Berggorillas sind in ihrer Lebensweise eng an die Waldstruktur gebunden. Sie schlafen in Nestern, die sie täglich neu bauen — bevorzugt in Bäumen mit ausreichend starken Ästen, also hohem DBH. Jungtiere klettern in Bäume, um zu spielen und Schutz zu suchen. Für diese Nutzung sind Bäume mit einem DBH von mindestens 20–30 cm nötig.
Die Nahrung der Berggorillas stammt zu einem großen Teil aus der Strauchschicht und den Jungbäumen — also aus Pflanzen mit niedrigem DBH. Paradoxerweise brauchen Gorillas damit sowohl alte Großbäume (Schlaf, Schutz, Schatten) als auch junge Pflanzen (Nahrung). Ein gesunder Bwindi-Wald zeigt eine ausgeglichene Altersstruktur: viele Jungbäume, die nachwachsen, und ein stabiler Bestand an Altbäumen mit hohem DBH.
Waldinventuren mit DBH-Messungen zeigen, ob diese Balance stimmt. Ein Wald mit vielen Jungbäumen, aber wenig großen Stämmen, ist ein Wald im Erholungsstadium — er wurde in der Vergangenheit beeinträchtigt. Ein Wald mit hohem durchschnittlichem DBH und breiter Altersverteilung ist ein gesunder Primärwald — und das beste Zuhause für Berggorillas.
DBH im globalen Kontext: REDD+ und Kohlenstoffmärkte
DBH-Daten sind nicht nur für die Wissenschaft relevant — sie sind die Grundlage für milliardenschwere Klimaschutzprogramme. Das REDD+-Programm der UN (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) zahlt Länder für nachgewiesenen Waldschutz. Die Nachweispflicht basiert auf Waldinventuren — und die beginnen mit DBH-Messungen.
Uganda nimmt an REDD+ teil. Das bedeutet: Wenn ugandische Ranger und Wissenschaftler DBH-Daten im Bwindi NP und seinen Pufferzonen erheben, fließen diese Daten in nationale Kohlenstoffbilanzen ein. Ein nachweisbar stabiler oder wachsender Waldbestand kann Ugandas Ansprüche auf Klimaschutz-Zahlungen stärken — was wiederum Mittel für den Naturschutz und die umliegenden Gemeinden bereitstellt.
Das Gorilla-Trekking-Permit (800 USD pro Person) ist eine weitere Einnahmequelle, die den Schutz finanziert. Aber REDD+-Zahlungen könnten langfristig eine noch bedeutendere Rolle spielen — und der DBH ist das Messinstrument, das diese Zahlungen ermöglicht.